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Schrift ist Marke.

TypografieOktober 2026Lesezeit 3 MinutenNicole Manninger

Typografie

Bevor ein einziges Wort gelesen wird, hat die Schrift bereits gewirkt. Sie entscheidet mit darüber, ob eine Website hochwertig erscheint und ob sie zur Marke passt, und trotzdem wird sie auf den meisten Websites nicht gewählt, sondern aus einer Vorlage übernommen.

Der Eindruck entsteht vor dem Lesen

Gitte Lindgaard und ihr Team an der Carleton University haben 2006 gezeigt, dass Menschen die Anmutung einer Website nach 50 Millisekunden beurteilen und dieses Urteil danach kaum noch ändern1. In diesem Bruchteil einer Sekunde wird kein Text verstanden, wohl aber Grauwert, Rhythmus und Charakter einer Seite, und die werden zu einem großen Teil von der Typografie bestimmt.

Ein Web aus wenigen Schriften

Der Web Almanac 2024 des HTTP Archive zeigt, wie eng die Auswahl geworden ist. Mehr als die Hälfte aller Desktop-Websites bindet Google Fonts ein, und eine Handvoll Familien wie Roboto, Open Sans, Poppins und Montserrat prägt einen großen Teil des Webs3. Wer die Standardschrift eines Themes übernimmt, teilt sie mit Hunderttausenden anderer Unternehmen.

Die Schrift prägt den Eindruck einer Marke, bevor ein Wort gelesen wird.

Zwei Schriften und Disziplin

Gute Typografie braucht selten mehr als zwei Schriften, eine für den Lesetext und eine für Überschriften und zentrale Aussagen. Den Unterschied macht nicht die Anzahl, sondern die Konsequenz, mit der dieselbe Schrift in derselben Größe dieselbe Aufgabe erfüllt, auf jeder Seite der Website.

Schrift ist auch Technik

Laut HTTP Archive entfallen auf Webfonts im Median rund 111 Kilobyte pro Seite auf dem Smartphone6, und falsch geladen verursachen sie Layoutsprünge, die in die Bewertung durch Google einfließen. Dazu kommt das Recht: Das Landgericht München I entschied 2022, dass Google Fonts nicht ohne Einwilligung direkt von Googles Servern geladen werden dürfen9, was eine Welle von Abmahnungen auslöste10. Schriften gehören deshalb auf den eigenen Server, was rechtlich sauber und zugleich schneller ist.

Auch die Barrierefreiheit beginnt bei der Typografie. Seit Juni 2025 verlangt das österreichische Barrierefreiheitsgesetz für viele Online-Angebote unter anderem ausreichende Kontraste und gut lesbare, skalierbare Texte11.

Eine Website mit zwei richtig gewählten Schriften und sonst wenig wirkt hochwertiger als eine mit fünf Farben, zehn Icons und einem Slider. Typografie ist kein Detail der Gestaltung, sondern ihr Fundament.